Einblick in die Produktion, Foto: Glashütte Lamberts
Die Akademie Steinwald-Fichtelgebirge besichtigt die Glashütte Lamberts in Waldsassen.
WALDSASSEN. Die Städte London, Barcelona und Bahrain, Wuhan, Berlin und New York sind weltweit bekannt. Die kleine Stadt Waldsassen passt da so gar nicht zu dieser Aufzählung. Gar nicht? Da sind einige Menschen aber ganz anderer Ansicht. Denn alle diese Großstädte haben in zum Teil berühmten Gebäuden etwas Gemeinsames verbaut: nämlich handgeblasenes Glas aus der Glashütte Lamberts in Waldsassen.
Der geschäftsführende Gesellschafter Rainer Schmitt und der weitere Geschäftsführer Christian Baierl sind zusammen mit ihren rund 70 Mitarbeitern stolz auf die Sichtbarkeit ihres Glases. Ein Beispiel ist die Uhr am Big Ben in London, die von Millionen Menschen beachtet wird. Die vier Ziffernblätter bestehen aus ca. 1.300 mundgeblasenen Waldsassener Glastafeln. Ein zweites Beispiel: Ein großer Teil des Flachglases, das als Rohmaterial für die farbigen Kirchenfenster in der Sagrada Família in Barcelona verwendet wurde, stammt aus der Oberpfälzer Glashütte. Die Ausführung der Fenster erfolgte durch das familiengeführte Glasstudio J.M. Bonet in unmittelbarer Nähe der Basilika.
Auszeichnung des Handwerks als immaterielles Weltkulturerbe
Mit diesem Wissen wundert es nicht, dass die traditionelle Methode der mundgeblasenen Flachglas-Fertigung, mit der Lamberts produziert, 2023 von der UNESCO als immaterielles Weltkulturerbe ausgezeichnet wurde. Diese Anerkennung unterstreicht die Bedeutung des althergebrachten Handwerks in der Weltkultur und zeugt von der Erhaltung traditioneller Fertigungsmethoden.
Eine Gruppe von Mitgliedern und Freunden der Akademie Steinwald-Fichtelgebirge konnte den Betrieb bei laufender Produktion bei einem Besuch genauer unter die Lupe nehmen. Die kaufmännische Mitarbeiterin Stefanie Reichl führte kenntnisreich durch die Werkshallen. Auch dabei zeigte sich die Oberpfälzer Verwurzelung: Ein immer freundlicher, aber deutlicher Dialekt begleitete ihre Ausführungen. Mundgeblasenes Flachglas – Klingt wie ein Widerspruch, ist aber keine.
Die Besucher fanden es überaus spannend, wie aus den großen mundgeblasenen Glaskugeln am Ende Flachglas entsteht. Mundgeblasenes Flachglas hat ein ganz besonderes Flair, eine ihm ureigene Brillanz und Körperhaftigkeit, eine spezielle Struktur und Transparenz, ein Leuchten der Farben, kurzum eine eigene Individualität. Es kann nur mit der traditionellen Methode des Glasmachens im Zylinderverfahren hergestellt werden.
Zunächst werden Quarzsand, Soda und Kalk zum Grundgemenge zusammengemischt. Das Verhältnis der drei Komponenten ist je nach Glasart unterschiedlich. Für die gewünschte Farbe (Es sind über 5.000 Farbmischungen verfügbar!) werden nun die verschiedenen Färbemittel untergemengt. Dieses Gemenge wird in die Öfen eingelegt und bei 1.450 Grad Celsius 14 Stunden geschmolzen und für die wichtigste Bearbeitungsstufe, das Glasblasen, vorbereitet. Ein Mitarbeiter, der sogenannte Anfänger, bringt durch Drehen der Glasmacherpfeife im Ofen das flüssige Glas an die Pfeife. Der Ofen strahlt sehr helles Licht und enorme Hitze aus. In verschiedenen Holzmodeln gibt der Anfänger dem Glasposten durch Drehen und gleichzeitiges Blasen die richtige Form. Der Glasmachermeister bläst die Kugel bis zur endgültigen Größe auf und gibt ihr die exakte Form und Struktur. Der glühende Glasballon wird dann an beiden Enden geöffnet und geweitet, so entsteht ein Zylinder. Nach dem Erkalten wird der Zylinder der Länge nach aufgeschnitten und in einer weiteren Bearbeitungsstufe wieder erhitzt und aufgeklappt bzw. gestreckt. Mit einem speziellen Stück Holz wird die wellige Tafel glattgebügelt. Nach dem Abkühlen wird jede Tafel noch einmal auf Ihre Qualität hin geprüft.
Bei den ersten Bearbeitungsschritten wird das Glas auf der Glasmacherpfeife gedreht, geschwenkt, hin und her bewegt. Dafür ist Kraft erforderlich, denn acht bis elf Kilogramm für das Glas und mehrere Kilogramm für die Glaspfeife müssen exakt und schnell vom Ofen zur Auflage, von der Form zur Ablage bewegt werden. Dennoch wirken die Bewegungen flüssig und elegant.
Dies ist nur eine knappe Zusammenfassung der einzelnen Arbeitsschritte, um den Prozess einigermaßen zu verstehen. Für den exakten Ablauf stehen sehenswerte Videos auf www.lamberts.de bereit.
Zum Abschluss besuchte die Gruppe die Glasgalerie im Obergeschoss der Werkshalle. Wunderschöne Vasen, Schüsseln, Gläser, Kugeln und Kreuze, die als Nebenprodukte gefertigt werden, stehen hier zur Ansicht und zum Verkauf.
Übrigens: Wenn Sie ein ∞, also das Zeichen für Unendlichkeit, tätowiert sehen, könnte die Person ein Glasmacher sein. Denn dies ist das Zeichen der Glasmacher!

Mitglieder und Freunde der Akademie Steinwald-Fichtelgebirge in der
Glasgalerie der Glashütte Lamberts in Waldsassen, Foto: Akademie Steinwald-Fichtelgebirge